Selbstverständlich fühlt sich fast jeder überlegen

Ein Gespräch mit Ulrich Holbein

Wie geht es Ihnen momentan und wo stehen Sie, wenn Sie auf die Entwicklung Ihres Werkes blicken?

Blendend – ganz prachtvoll … leidlich – einigermaßen schloto – das ist Tschechisch und heißt: geht so – bin nicht im Burn-out versunken; allenfalls setzt eine kleine, biologisch bedingte Torschlußpanik mir zu, also gehts mir wohl doch nicht äußerst gut, allenfalls recht mittelprächtig, um nicht zu sagen: unoptimal, miserabel, relativ beschissen, andererseits klage ich merkwürdig selten über Corona, Weltlage, Überwachungsstaat, Systemcrash, Islamisierung, geh zudem nicht an Krücken, muß keinem Brotjob nachgehen, mich nicht mit VermieterInnen plagen, kann jeden Tag arbeiten …

Woran arbeiten Sie gerade?

Dies zu beantworten, könnt ein eigenes Buch füllen. Seit elf Jahren leid ich an einem gewissen Projektestau, hab ganz viele zu Dreivierteln fertige Gemälde auf den Staffeleien und Eisen im Feuer, die ich auf den letzten Drücker schnell noch hervorwürgen möchte. Meine TherapeutInnen sagen mir, ich könne mich doch zurücklehnen, aufatmen, und hätte genug geschrieben, derart viel, daß sowieso keiner durchkommt. Mir aber kommts vor, als lägen meine eigentlichen Werke alle noch vor mir, und die frühen Bücher seien alle nur Treppenstufen und Halbheiten, Teilfunktionen und Eisbergspitzen, die zufällig rausgucken aus dem eigentlichen Ozean und Fragmentedschungel, diesem Oeuvre in progress. Wenn ich alle 33 Projekte meiner halbfertigen Bücher noch abrunden wollte, und für jedes ein Jahr veranschlage, müßt ich 112 Jahre alt werden. Zwei Hauptwerke wölben sich besonders hervor aus dieser Warteschlange, meine Lolita und mein Ulysses, also einmal ein leichtfüßiger Liebesroman, betitelt: „Traumpaar ohne Notbremse“, und meine Weltchronik, also die als Mammutroman runtererzählte Universalgeschichte des vorliegenden Weltalls, vom Big Bang bis zum Big Crunch, x Oktilliarden Jahre auf 777 Seiten zusammengepreßt, natürlich wesentlich unterhaltsamer als der Ulysses.

Zum Download:
Ulrich Holbein: Woran arbeiten Sie gerade? (PDF)
oder als Kurzfassung (PDF)

Was war Ihr erfolgreichstes Buch und welches ist nach eigenem Ermessen Ihr wichtigstes Buch?

Eindeutig das Narratorium, als Großtat des Ammann Verlags Zürich, 2008. Es hagelte 60 Rezensionen. In einem Semester wurden 9000 Stück verkauft. Sicher kauften es viele nicht wegen meines Namens, eher wegen des reizvollen Stoffs. Diese Synthese aus Erzählwerk, das ja praktisch 200 Einzelromane destilliert, und Sachbuch, das 300 Sachbücher ersetzt, umfaßt nicht umsonst 1008 Seiten, eine Arche Noah extremer Persönlichkeiten. Vermutlich noch wichtiger dürfte mein Doppelroman von 1993 sein, auseinandergefallen in zwei Bände: Ozeanische Sekunde, bzw. Warum zeugst du mich nicht.

Wieso sind Ihre Bücher durchzogen von Esoterikerinnen und Okkultisten, Gurus und Spirituellen? Woher kommt Ihre Affinität zu derartigen Themen und wann haben Sie sich in solche Texte derart einlesen können?

Das mag mit der Lebensdauer zusammenhängen. Manche konstatieren bei mir theologisches Denken, oder geißeln gar einen Erleuchtungsfimmel; andere verübeln mir zynischen Atheismus – ja, was denn nun? Sie können sich nicht einigen. Bin ich nun Mystiker oder Satiriker? Wir wollens mal offen lassen.

So oder so, Ihr „Narratorium“ ist eine einmalige Sammlung, ein hypertrophes Kuriositätenkabinett: Wie ist es entstanden und wie haben Sie sich das viele Material besorgt, das eingeflossen ist?

Es hat sich so angesammelt, durch einen Zeitraum von sieben Jahren. Natürlich nutzte ich nie nur eine Quelle, sondern viele, wenn nicht gar sehr viele, oder fast alle.

Ein anderes Ihrer Werke trägt den Titel „Isis entschleiert“ und besteht aus nichts als Zitaten. Hier ist dem Leser schleierhaft, wie es funktioniert hat, aus so vielen Texten eine derartige beeindruckende Collage zu erzeugen. Können Sie auch hierzu Ihre Arbeitsweise kurz schildern?

Um 1986 plante ich eine Theorie der Entschleierung. Dies dachte ich, unterm Einfluß von Jorge Luis Borges, um in einen Einweihungsroman. Als mir die Thematik zum Drehwurm wurde, zur Obsession, und ich praktisch die Welt nicht mehr sah, nur noch Trennwände, Vorhänge, Schleier, Voyeure und Voyeusen, vom Tresor bis zum iron curtain, dachte ich den Erleuchtungsroman, unterm Einfluß von Walter Benjamin, wiederum um in eine Art Passagenwerk, wo die uferlosen Materialien einfach nur für sich selber sprechen sollten. Die ganze Zeit litt ich daran, daß ich selber alles mögliche viel druckreifer hätte durchformulieren können als die allermeisten Zitate. Doch indem ich statt mit meinen Worten, mit den Sätzen anderer um mich warf, setzte sich dann doch mein Personalstil oder Sound durch, heraushörbar aus Hunderten, und durch obwaltendes Tat twam asi wurde dann doch ein Mosaik-Roman draus, der eindeutig aus speziell meinem spezifischen Gehirn stammte.

Worauf muss man sich bei einem Leben als freier Autor einstellen? Wie finanziert man sich als freier Schriftsteller seinen Lebensunterhalt? Wann haben Sie sich entschieden, so zu leben, wie Sie leben und warum?

Bis zum 35. Geburtstag verdiente ich nichts. Dank natürlicher Bescheidenheit mußte ich nie Freunde anpumpen. Indem ich als führerscheinloser Nichtraucher und Urlaubsmuffel keinerlei Kinder zeugte, konnt ich mir ab 1990 Lebensunterhalt plus Haus erschreiben. Haupteinnahmequellen: weniger Lesungen als Radio, Zeitungen, FAZ-magazin.

Finden wir in Ihren vielen Büchern, Kolumnen und Geschichten einen Ausweg aus den Problemen unserer Zeit? Ist Ihr Schreiben auch ein alternatives und ökologisches Plädoyer? Bei aller Ironie und bei allen Curiosa: Wofür möchte Ihr Werk plädieren?

Nach außenhin schein ich für Öko, Hippie-Ideale, Pazifismus, Vegetarismus, sanfte Religionen und Mozart zu plädieren. Festlegbare Botschaften fehlen also keinesfalls, obwohl sie oft mit Kloß im Hals umkippen und sich selber in den Hintern beißen. Überall aber schießen Wermutstropfen hervor, haufenweise Theaterdonner und  Weltschmerz, oder die Pranken unangenehmer Raubtiere, alles bekömmlich eingebaut in ein kindliches Erbauungsprogramm der Weltbeglückung. Die einen fühlen sich verstanden und erheitert, die anderen erwischt und gefoppt. Selbstverständlich fühlt sich fast jeder überlegen. Diese Chance geb ich offenbar jedem.

Die einen fühlen sich verstanden und erheitert, die anderen erwischt und gefoppt. Selbstverständlich fühlt sich fast jeder überlegen. Diese Chance geb ich offenbar jedem.

Leben Sie oder schreiben Sie oder lesen Sie?

Beim Schreiben vergeht die Zeit tatsächlich dreimal schneller als außerhalb. Kaum gingen zweieinhalb Stunden vorbei, floß ein halber Tag ersatzlos von hinnen. Insofern gehen zwei Drittel des Lebens tatsächlich an mir vorbei, unerbittlich — grausamerweise. Sobald ich maile, kann ich derweilen nicht lesen. Sobald ich mir was reinzieh, kann ich derweilen nichts tippen. Nebenbei hat sich trotzdem allerlei Lebensstoff angesammelt. Nicht alle Anekdoten konnt ich bis dato in meine laufenden Buchprojekte einpflegen und hineinwursten. Mein Indienbuch läßt auf sich warten. Meine wilden bunten Jahre, falls ich welche hatte, sind offiziell noch nicht ausgebeutet worden. Ein objektives Problem: Heutige Autoren haben dank Wohlstand und mangels Krieg praktisch überhaupt nichts erlebt, schreiben aber trotzdem arg gern Bücher und bieten dann halt nur Magerquark mit Muckefuck. Doch alle, die sich ins pralle Leben stürzen und 500 Sexpartner vernaschen, statt fünf, schreiben nichts auf und vergessen fast alles; so daß der Gesamtstory der Menschheit ständig romanträchtiger Hauptstoff unersetzlich verlorengeht. Wenn ich noch Zeit und Konzentration fände und mich nicht ständig die blanke simple Lebensbewältigung runterzöge, könnt ich vielleicht ein ganz klein wenig dran rütteln, doch wohl kein wesentliches Ruder herumwerfen — leider. Jetzt schnell noch auf den letzten Drücker wie Balzac 97 Romane hinschleudern – das werden Biologie und Schicksal zu verhindern wissen.

Dieses Gespräch wurde am 21. November 2021 geführt.