Workshop »Schreiben über den See. Texte, Paare, Korrespondenzen«

am 11./12. März 2020 im Franz-Michael-Felder-Archiv, Bregenz

Thematisch wird das „Schreiben über den See“ in aller Breite und auf alle Gattungen bezogen verstanden. Dabei können sowohl Gedichte als auch Prosaarbeiten, aber auch Korrespondenzen aus Archiven in den Blick geraten, die in irgendeiner Form den See als Topos, Motiv oder realen Ort denken bzw. überwinden müssen. Die im Rahmen des Workshops intensiv diskutierten Texte werden auf Wunsch gerne zur Verfügung gestellt.

Der Workshop verbindet an verschiedenen Standorten geleistete Vorarbeiten im Kontext der Theoretisierung regionaler Literaturgeschichtsschreibung. Es schließt damit an jüngere Theorien des Raumes und der Netzwerkbildung in den Kulturwissenschaften an, aber auch an Archivstudien, mit deren Hilfe die motivgeschichtlich und lokal über den See gerichteten Diskursbewegungen beobachtet werden sollen. Die Tagung setzt das Gespräch fort, das im Mai 2019 auf der Londoner Tagung „BODENSEE. Transnationale Literaturen einer Kulturregion“ (geplant von Dr. Andrea Capovilla) bereits reflektiert wurde. Die Beiträge dieser Tagung sind mittlerweile publiziert im Jahrbuch des Franz-Michael-Felder-Archivs 2019 (Innsbruck: Studienverlag).

Konzeption: Jürgen Thaler (Franz-Michael-Felder-Archiv), Kay Wolfinger (LMU München).

Der Workshop wird unterstützt durch die Internationale Bodenseekonferenz.

Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz
11. und 12. März 2020, Kirchstraße 28, 6900 Bregenz

Hier geht es zum vollständigen Programm des Workshops.

»Meisterklasse für Literatur« für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe 2019/2020

in Zusammenarbeit mit der Dienststelle des Ministerialbeauftragten für die Gymnasien in Oberbayern-Ost

Die »Meisterklasse für Literatur« holt Schülerinnen und Schüler an die Universität und eröffnet ihnen die endlose Welt der Literatur.

Die Teilnahme ist ideal für Jugendliche, die gerne und viel lesen, sich mit Literatur auseinandersetzen, Lust haben, Texte zu analysieren, und über die Kunst der Schriftstellerei vertieft nachzudenken. In thematisch unterschiedlichen Sitzungen werden wir uns mit den Fragen beschäftigen, was Literatur überhaupt ist, was es bedeutet, ein Autor zu sein, wieso der Begriff »Text« nicht so einfach ist, wie es scheint, und wie das Schreiben von Büchern mit dem Literaturbetrieb zusammenhängt.

Ziel dieses Projektes ist es, Forschung und Lehre, wie sie an der Universität betrieben werden, für interessierte Schülerinnen und Schüler zu öffnen. Diese können in thematisch ausgerichteten Seminarsitzungen lernen, was es bedeutet, Germanistik zu studieren, wie literaturwissenschaftliches Denken und Arbeiten funktioniert und wie es schon während der Schulzeit gelingen kann, literarische Texte auf Universitätsniveau zu interpretieren. Es ist nichts weiter nötig als die Bereitschaft zur aktiven und regen Seminarteilnahme, die Lektüre der immer vorab angekündigten Texte und die Neugier mitzumachen. Wir versprechen nicht zu viel: Das Seminar bietet Einblick in das Entstehen und Wirken von Literatur und wird dabei helfen, die Faszinationskraft von literarischen Texten und deren Deutung neu entdecken zu können.

Unerzählt. Die Künstlerfreundschaft von W. G. Sebald und Jan Peter Tripp

am 11. Oktober 2019 in Oberstdorf

Wilhelm Geierstanger und Kay Wolfinger stellen gemeinsam das Text-Bild-Projekt Unerzählt vor. Es entstand noch vor dem Tod des Schriftstellers W.G. Sebald im Jahr 2001, konnte aber erst posthum als Buch veröffentlicht werden. Unerzählt ist eine Kombination aus kurzen Gedichtepigrammen Sebalds, zu denen sein Malerfreund Jan Peter Tripp Radierungen von Augenpaaren angefertigt hat, die zu Menschen gehören, die sowohl für Sebald als auch für Tripp von kulturgeschichtlicher Bedeutung waren.

In einem Podiumsgespräch und einer Auswahllesung werden Geierstanger und Wolfinger die Bedeutung dieses Kunstprojektes erklären und anschließend ausgewählte Exponate zeigen, die seit einigen Jahren im Gertrud-von-le-Fort-Gymnasium in Oberstdorf zu sehen sind.

Lassen Sie sich also durch Sebalds und Tripps Bild-Text-Labyrinthe führen und sich demonstrieren, dass trotz der Schwere und Düsternis von Sebalds entfalteten Texttableaus eine Verzauberung aufscheint, die wesentlich mit der Faszinationskraft von Kunst und Literatur zu tun hat.

Freitag, 11. Oktober 2019, um 20 Uhr
Oberstdorf Bibliothek im Gertrud-von-le-Fort Gymnasium
https://www.villa-jauss.de/veranstaltungen/

»Jenseits-Zeit & Geistes Reich«

am 25. September 2019 in Saarbrücken (26. Deutscher Germanistentag)

Panel im Themenbereich 1: Theorien und Konzepte von Zeit

Literatur und Okkultismus besitzen eine große Affinität füreinander. Beide Systeme arbeiten auf ihre Weise an einer Verzauberung der Welten, setzen das Geheimnis wieder in sein Recht und artikulieren ein besonderes Verhältnis zur Zeitlichkeit.

Gerade durch die Geisterseherei und die Herstellung von Jenseitskontakten in literarischen und jenseits von literarischen Texten soll eine Überschreitung und Nivellierung der zeitlichen Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits, aber auch durch Anrufung der Verstorbenen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stattfinden.

Demonstriert wird diese Verschränkung von Jenseitszeit, Geisterreich und dem Begehren der Lebenden unter Analyse der temporalen Ebenen an Beispielen aus dem Schauerroman bis hin zu Ekstatikerinnen, Okkultisten und den ersten Séance-Sitzungen. Das Besondere am Okkultismus ist daher die Tatsache einer ihm speziellen Zeit und der Umstand, die den Menschen gewohnte Zeit auszuhebeln und zu transzendieren.

 

Aufbau

Kay Wolfinger (Ludwig-Maximilians-Universität München): Das okkulte Medium und die Aufhebung der Zeit. Zur Einführung in die Thematik

Geist und Spiritismus

Anne Lorenz (Digitale Akademie, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz): Avantgarde und Geistesgegenwart. Spiritistische Elemente im Künstlerkreis Der Sturm

Korbinian Lindel (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): Transzendentalphotographie 1900 / 2000. Dokumentationen der Geisterwelt in den Materialisationsphänomenen von Albert von Schrenck-Notzing und M. Night Shyamalans The Sixth Sense 

Medialitäten

Vera Kaulbarsch (Ludwig-Maximilians-Universität München): »Einmal hatte ich in dieser Zeit das Erlebnis, tot zu sein.« Jenseitige Zeitlichkeiten bei Carl Zuckmayer und Thomas Mann

Libor Marek (Univerzita Tomáše Bati ve Zlíně): Susanna Schmida-Wöllersdorfer: Eine vergessene Wiener Esoterikerin

Peilin Li (Westfälische Wilhelms-Universität Münster): Totenreich als Idylle des Heute. Die Zeitcollage in Monika Marons Zwischenspiel (2014)

Workshop »Something weird …« – Eine Tendenz der Gegenwartsliteratur

am 12. September 2019 in München

Donnerstag, 12. September 2019
Workshop am Institut für Deutsche Philologie der LMU München
Schellingstraße 3, Raum 153 RG

Organisiert von Francesca Goll und Kay Wolfinger

09.30-09.45 Uhr Francesca Goll und Kay Wolfinger (Ludwig-Maximilians Universität München): Von der Neo-Romantik zur Rezipientenstörung. Lose Überlegungen zur Einführung

09.45-11.15 Uhr Leonhard Hieronymi (Freier Autor, Berlin): Materialien zur Kritik Anthony Hopkins. Ein Essay (Moderation: Robert Hermann (LMU München))

11.45-13.15 Uhr Doren Wohlleben (Philipps-Universität Marburg): Magie der Schrift. Kalligrafie und Zeitlichkeit im Gegenwartsroman (Moderation: Michaela Nicole Raß (LMU München))

14.45-16.15 Uhr Jan Drees (Deutschlandfunk Köln): Die Unheimlichkeit der psychischen Krankheit (Moderation: Kay Wolfinger (LMU München))

16.45-18.15 Uhr Jochen Hörisch (Universität Mannheim): Das Vertraute ist das Unheimliche – Das Motiv der Zwischenwelten im Werk von Daniel Kehlmann (Moderation: Francesca Goll (LMU München))

18.15-19.45 Uhr Christian Metz (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main): Diffraktion. Zu Kathrin Rögglas und Marlene Streeruwitz’ Reflexionskritik (Moderation: Karin Janker (Süddeutsche Zeitung))

Zum Programm-Flyer.

Europa im Umbruch. Europa in Literatur und Film der Gegenwart, München (13./14. Dezember 2018)

Tagungsbericht von Laura Laabs und Patryk Maciejewski

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Unter dem Titel „Europa im Umbruch. Europa in Literatur und Film der Gegenwart“ fand am 13. und 14. Dezember 2018 eine von Michaela Nicole Raß und Kay Wolfinger organisierte internationale Tagung statt, in deren breit angelegtem Rahmen sich Teilnehmende und Publikum mit spezifisch das Themenfeld „Europa“ betreffenden Fragestellungen auseinandersetzten. Gefördert wurde die Tagung von der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, deren Räumlichkeiten am Münchner Schloss Nymphenburg das passende Ambiente für eine Tagung schufen, die sich einem solch umfassenden wie tiefgreifenden Thema widmete.

In der Begrüßung und Einführung leiteten Michaela Nicole Raß und Kay Wolfinger unter Bezug auf u. a. den Song „Besuchen Sie Europa“ von Geier Sturzflug aus den 1980er-Jahren sowie den Eurovision Song Contest (ehemals Grand Prix Eurovision de la Chanson) auf das Tagungsprogramm hin und ebneten damit den Weg für das Eintreten in den Europa-Diskurs über den Verlauf der folgenden zwei Tage. Raß und Wolfinger wiesen dabei insbesondere auf den speziellen, nicht immer unproblematischen Stellenwert Europas in der zeitgenössischen Forschung hin und identifizierten die titelgebenden „Umbrüche“, die historisch wie aktuell an und in Europa beobachtbar werden, als bedeutungsstiftende Momente für Wissenschaft und Gesellschaft.

 

Sektion 1: Europa als (politisches) Konstrukt im Spiegel der Kultur(und)Theorie

Paul Michael Lützeler bereitete der Tagung mit seinem Vortrag „Kritik der Kritik. Zu den neueren Europa-Thesen von Robert Menasse“ einen Auftakt, der sich insbesondere mit den europäischen Institutionen sowie der Darstellung derselben im Werk von Robert Menasse auseinandersetzte. Anhand der Diskussion von Menasses literarischer Verarbeitung des Themenkomplexes Europa stellte er die Frage, ob anstelle der Forderung nach Zerschlagung der Nationalstaaten im Sinne der Idee von den „Vereinigten Staaten von Europa“ nicht vielmehr ein Modell eines „Europa der Regionen“ den europäischen Herausforderungen angemessener sein könnte. Lützeler wies zudem auf die Verantwortung hin, deren Übernahme Schriftsteller*innen trotz des Privilegs der Fantasie insbesondere dann abzuverlangen sei, wenn sie historischen Stoff verarbeiteten und sich zudem – wie Menasse – solcherlei Themen nicht nur in fiktionalen Werken, sondern auch in der Essayistik annähmen.

Ausgehend von der These, in den Kulturwissenschaften sei eine Umakzentuierung im Umgang mit Europa zu beobachten, nahm Nicolas Detering in seinem Vortrag „Theorizing Europe? Neuere Europadebatten in den Kulturwissenschaften“ insbesondere die Problematik des Begriffs „kulturelle Identität“ in den Blick. Ein Hauptaugenmerk dieses Vortrags lag dabei auf u. a. postkolonialen und postmarxistischen Kritiken an elitistischen und universalistischen Auffassungen von Europa und europäischer Gemeinschaft. Der sogenannte „europäische Raum“ sei zudem als relationaler, gleichsam „fluider“ Raum zu begreifen, innerhalb dessen beispielsweise auch transkontinentale Verflechtungen mit afrikanischen Kolonien hinsichtlich der EWG-Gründung im Europa-Diskurs zu berücksichtigen seien. Deterings Vortrag schloss mit der Forderung nach einer Rekanonisierung nicht-europäischer Denker*innen wie z. B. Hamid Dabashi. Diese sei nötig gerade in Anbetracht von Kritik und Einwänden, denen sich die europäische postcolonial theory in Bezug auf ihre eigenen Ausgangsbedingungen und Einschränkungen, möglicherweise einen eigenen inhärenten Eurozentrismus, ausgesetzt sehe.

Zum Abschluss des ersten Tagungspanels vervollständigte Ulrich Brückner die bis dahin zusammengetragenen historischen und kulturwissenschaftlichen Perspektiven um seinen politikwissenschaftlichen Beitrag „Das Haus Europa – Von der Schwierigkeit, eine Baustelle zu lieben, die eine bleibt“. Hierin kritisierte er zum einen das Phantasma, ein einzelner genialer Einfall könnte bzw. müsste zum Wohle Europas eine revolutionäre, wenngleich geradlinige Veränderung herbeiführen, und betonte stattdessen die Prozesshaftigkeit des stetig im Wandel begriffenen politischen Konstrukts Europa. Darüber hinaus tue anstelle reduktionistischer Forderungen vielmehr der respektvolle, pluralistische Streit sowie die (wenn auch mühsame) stetige Neuaushandlung europäischer Werte not, um dem Umgang mit der „Dauerbaustelle“ Europa angemessen zu begegnen.

 

Sektion 2: Europa: Eine Fiktion? Aktuelle Konstruktionen von Europa als Idee, Begriff, Bild, kulturelle Konzeption

Das zweite Panel des Tages eröffnete Christoph Augustynowicz mit seinem Vortrag „Zwischen Aneignung und Rivalität: Einige Bemerkungen zum Konzept Ostmitteleuropa in aktuellen Diskussionen“, in welchem er über die historische und politische Bedeutung des ostmitteleuropäischen Raumes sprach. Augustynowicz charakterisierte Ostmitteleuropa als „Europa zwischen den Meeren“ (Ostsee, Schwarzes Meer) bzw. als Zwischenraum zwischen Westen und Osten, den Raumbegriff darüber hinaus als einen „oszillierenden“, und er machte darauf aufmerksam, dass der Begriff „Mitteleuropa“ insbesondere deutsche Machtbestrebungen konnotiere. Deutlich wurde dabei, wie sich Konzeptionen von Ostmitteleuropa sowie Vorstellungen von Zentrum und Peripherie angesichts ökonomischer und realpolitischer Entwicklungen gewandelt haben. Darüber hinaus zeigte er anhand der Achse Wien/Berlin – verlaufend zwischen den Shoah-Gedenkstätten in den beiden Hauptstädten – die divergierenden Bedeutungsfunktionen beider Städte in aktuellen Debatten auf.

Europas Krisen widmete sich Edgar Grandes politikwissenschaftlicher Vortrag „Die Zukunft Europas – Weshalb Europa neu gegründet werden muss und nicht kann“. Grande diagnostizierte u. a. eine tiefgreifende Kooperations- und Solidaritätskrise, die mit Legitimations- und Vertrauenskrisen der europäischen Institutionen einhergehe. Während solche Krisen historisch als langfristig durchaus gewinnbringend für Europa anzusehen seien, betonte Grande die Notwendigkeit von Reformen anstelle von Appellen an Identitätsgefühle. Problematisch sei insbesondere die Blockade fundamentaler Reformen durch zunehmende Politisierung und Polemisierung politischer Prozesse. Einen Ausweg erkannte Grande in einem scheinbaren Paradox, nämlich wiederum der größeren Politisierung und Mobilisierung der europäischen Bürgerinnen und Bürger im Sinne einer Förderung politischer Mehrheiten für Europa.

 

Sektion 3: Europa und Europäer: Eine identitätsbildende Einheit?

Mit dem Begriff des Imperiums und der Frage danach, ob und, wenn ja, inwiefern Europa und das Konzept des Imperiums zusammengedacht werden könnten, erweiterte Oliver Jahraus den ersten Tagungstag zu Beginn des dritten Panels um eine weitere Perspektive, die sich ebenfalls an Räumlichkeitsvorstellungen, ebenso sehr aber auch an kulturellen Trajektorien abarbeitete. Unter Betrachtung von u. a. Kleists Der zerbrochne Krug, Harris’ Fatherland, Krachts Faserland sowie Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Houellebecqs Soumission und der Star-Wars-Filme erörterte Jahraus eine Vielzahl von literarischen und filmischen Verarbeitungen des Imperiums und arbeitete dabei Zusammenhänge aktueller politischer Krisen Europas sowie krisenhafter Kippmomente von Imperien heraus.

Der Frage nach gemeinsamen identitäts- und sinnstiftenden Ereignissen sowie ihrer materiellen Manifestationen spürte Ulrike Zitzlsperger in ihrem Beitrag „Ach, Europa: Reflexionen über Verbindendes und Trennendes“ nach. Ihrer Beobachtung, dass es im Gegensatz zu den europäischen Nationalstaaten kaum bis keine Souvenirs zu Europa zu erwerben gäbe, folgte der Hinweis auf die Veröffentlichung der Anthologie Goodbye Europe nach dem Brexit-Referendum, wobei sie die Anthologie als Publikationsform charakterisierte, die viele mitunter divergierende Perspektiven zusammenbringen könne. Zitzlsperger betonte zudem, die Konzeption Europas als „Festung“ suggeriere eine in sich geschlossene Kultur bei gleichzeitiger Undurchdringlichkeit; diesem Sinnbild stellte sie die Vorstellung von Europa als „Hotel“ gegenüber und machte die These stark, dass eine einheitliche europäische Öffentlichkeit nicht existiere.

Zum Abschluss des ersten Tages warf Rüdiger Görner die Frage auf: „Was ist der ‚gute Europäer‘ – heute?“ Im Laufe seines Vortrags konterkarierte Görner eine erneut zunehmende Unsicherheit und Passivität in Europa-Diskursen mit einer kritischen Auseinandersetzung mit Nietzsche; in Anlehnung an diesen legte Görner eine kulturelle Selbstproblematisierung im Sinne der Fähigkeit, als „guter Europäer“ sich selbst von außen betrachten zu können, nahe. Er zog dabei eine Linie vom Ursprungsnarrativ des Mythos von Zeus und Europa, der in radikaler Selbstentfremdung gipfelte, über zu Konzeptualisierungen von Heimatlosigkeit bei Nietzsche, in welcher der zum Wanderer gewordene Europäer der Vorstellung einer homogenen europäischen Wertegemeinschaft in seiner Mobilität und Offenheit radikal widerspräche, bis hin zur aktuellen Forderung, ebenjene Offenheit auch Europas nicht nur auszuhalten, sondern engagiert mitzugestalten.

 

Sektion 4: Europabilder im Film: Utopien und Dystopien

 Den zweiten Tag und somit das vierte Panel der Tagung eröffnete Henry Keazor mit seinem Vortrag „Europa als Utopie und Dystopie in den Filmen von Lars von Trier und Jean-Luc Godard“. Im ersten Teil des Beitrags beschrieb er die kunsthistorischen Zusammenhänge, die das positive Europabild in Jean-Luc Godards Film Passion konstituieren. Hierzu führte er die Lyotard’sche Analogie des europäischen Stils als „concordia discors“ an. Der europäische Stil sei demnach nicht als Einheit, sondern als harmonierendes Ensemble von Strömungen zu verstehen, „in Vielfalt geeint“. Den zweiten Teil widmete er den negativen Europaimaginationen in Lars von Triers Europa-Trilogie. Mit Anspielungen an den Zweiten Weltkrieg oder der Verbindung des Europa-Mythos mit dem nationalsozialistischen Konzept des Wolfs thematisiere die Filmreihe die Konsequenzen und Traumata eines durch Gewalt „vereinten“ Europas.

Gleich im Anschluss stellte Stephan Kammer eine vertiefte Analyse der Europa-Trilogie vor. Er ging im Detail auf die einzelnen Filme von Lars von Trier ein und stellte zwei interpretatorische Momente vor, die sich im Zusammenhang der Untersuchung herauskristallisierten. Zunächst wies er auf die tragende Rolle des Karten-Motivs hin, das in Element of Crime als bloße Darstellung von Zugnetzen und in Europe gar als essentieller Teil der Handlung verarbeitet werde. Anschließend machte er auf die Störung des hermeneutischen Systems in von Triers Filmreihe aufmerksam und zog dafür Frauke Berndts Konzept der „Zone“ heran, das sich durch Ambiguitäten, die Auflösung von bekannten Denkmustern sowie die Juxtaposition von gegensätzlichen Konzepten charakterisiert, wie es beispielsweise auch in Thomas Pynchons Roman Gravity’s Rainbow der Fall ist.

 

Sektion 5: Europabilder in der Gegenwartsliteratur und auf der Bühne

 Zu Beginn des fünften und letzten Panels stellte Mario Grizelj die Frage: Wo bleibt der große europäische Roman? In seinem Vortrag „Der Abgrund des Abgrunds“ ging er der Genrefrage des Buches Zone von Mathias Énard nach und versuchte zu bestimmen, ob es sich bei dem Text um einen Roman oder ein Epos handelt. Die von Énard gewählte Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms würde zunächst suggerieren, dass es sich hierbei um einen Roman handle – so Grizelj. Bei genauerer Inspektion lassen sich jedoch einige Anspielungen auf die klassischen Epen der Antike ausfindig machen, wie z. B. die Gliederung des Textes in 24 Abschnitte, eine klare Allusion auf Homers Illias. Der Hegel’schen Vorstellung des Epos als „Bibel eines Volkes“ folgend diskutierte Grizelj anschließend, ob es sich bei diesem Werk um das langersehnte „Epos der Europäer“ handle. Er stellte schlussendlich fest, dass der Text Eigenschaften beider Gattungen enthält und je nach Genreauslegung unterschiedlich interpretiert werden kann.

Mit einer weiteren Europa-Trilogie, nämlich der von Milo Rau, ging es in Christian Kirchmeiers Beitrag weiter. Darin untersuchte er nicht nur das tragische Europabild, das der schweizerische Regisseur in den drei Werken durch die Thematisierung von Vertreibung und Heimatflucht zeichnet, sondern auch die Besonderheiten, die Raus dokumentarisches Theater ausmachen. Dabei ging Kirchmeier insbesondere auf die parabatische Kommunikation ein, die der Regisseur oft zur Mitteilung politischer Inhalte nutze. In diesem Zusammenhang kam Kirchmeier auch auf die Rolle des Realismus im postdramatischen Theater zu sprechen, das nur die selbstreflexive Realität anerkenne und nicht mehr die Darstellung des Realen zum Ziel habe, sondern die Darstellung verwirklicht haben wolle.

Mit dem Vortrag „Europa im Zeichen von Religion und Nationalismus. Das Europabild in Michel Houellebecqs Soumission (2015) und Alexander Schimmelbuschs Hochdeutschland (2018)“ schloss Michaela Nicole Raß schließlich die Tagung ab. Sie wies zunächst auf die thematischen Ähnlichkeiten der beiden Romane hin, zum Beispiel auf die Kritik sowohl am Nationalismus als auch am Islam. Ein dominantes Motiv bilde auch die Schwächung der liberalen Demokratie, die als krisenanfälliges System portraitiert werde. Zusätzlich zur schwierigen Lage der Demokratie werde die EU durch das Fehlen eines erkennbaren gemeinsamen Ziels sowie die Konkurrenz zwischen den Mitgliedstaaten geschwächt. Das Europa der Volkswirtschaften sei somit eine dystopische Vorstellung, die dem Kulturraum Europa entgegengestellt wird.

In der darauffolgenden Abschlussdiskussion kam das Thema des großen europäischen Werks ein weiteres Mal hoch. Die Frage, ob es ein solches Werk angesichts des Fehlens einer gesamt-europäischen Identität überhaupt geben könne, dominierte zu Beginn die Debatte. Anschließend wurde besprochen, wie man eine solche Identität durch Mediennutzung verdeutlichen bzw. stärken könnte. In Anbetracht der krisenhaften Lage der EU wurde zum Abschluss eine alternative Hypothese zu deren Entstehung diskutiert. Demnach seien die Schwierigkeiten, denen die EU sich stellen müsse, gar nicht auf die einzelstaatlichen Nationalismen, sondern auf die imperialen Gedanken Europas zurückzuführen.