Lektürekurs zum Masterseminar „Karten, Graphen, Kurven“

Wintersemester 2016/2017

Neben und zwischen den großen medialen Formaten von Schrift und Bild arbeiten in der Neuzeit andere, hybridere Aufzeichnungs-, Speicher- und Darstellungsformate an den Sachen des Wissens mit: Kurven, Graphien und Graphiken aller Art, Karten. Sie, aber ebenso die Aufzeichnungsdispositive, die mit diesen Medien einhergehen, erheben nicht nur den Anspruch auf die präzise Erfassung, sondern auch auf eine persuasive Präsentation von Sachverhalten, denen die schreibende oder zeichnende Hand nicht mehr nachkäme, denen das Erkenntnispotential der Sprache und ihrer Begriffe nicht mehr gewachsen seien.

Mit der ›méthode graphique‹ – so der Name, den das ausgehende 19. Jahrhundert diesen Formaten gegeben hat – zeichne sich nichts geringeres ab als eine ›Sprache der Natur selbst‹, biete sich damit die Chance eines direkten, unverstellten Zugriffs auf die Phänomene. Solche Wirklichkeitsemphase ist kein Zufall: Auf symptomatische und irritierende Weise teilen viele dieser Medien den Anspruch, kein Medium sein bzw. sich als Medium zum Verschwinden bringen zu wollen. Je aufwendiger die instrumentellen und apparativen Vorkehrungen medialer Wissensproduktion werden, desto dringlicher scheint das Transparenzversprechen für die Produkte dieser Aufzeichnungs- und Darstellungsverfahren.

Der Lektürekurs begleitet das dazugehörige Hauptseminar von Prof. Dr. Stephan Kammer, analysiert die dort besprochenen epistemischen Potentiale dieser Formate und bereitet auf die jeweilige Sitzung vor.

Verheißung und Fluch. Tendenzen der Gegenwartsliteratur

Proseminar, Sommersemester 2016

Als ob es nicht Wagnis genug wäre, Literatur zu interpretieren, ist es doch ein besonderes Wagnis, sich mit Gegenwartsliteratur zu beschäftigen. Ständig verändert sie sich und schlägt dem Interpreten die Werkzeuge wieder aus der Hand. Aber warum ist das so? Und warum stellt die Gegenwartsliteratur uns literaturtheoretisch vor besondere Probleme? Immerhin ist Gegenwartsliteratur für viele Studierende Einstieg in die Faszination des Fachs und macht einen großen Anteil des Literaturmarktes aus.
Wir wollen im Seminar ein ganzes Panoptikum aus aktueller Gegenwartsliteratur analysieren und versuchen, ob wir gemeinsam Strömungen, Themenflüsse und Konstellationen entdecken können. Wir werden den Blick auch auf die wichtigsten Literaturpreise, Verlage und Schriftstellerdebatten richten.

Bis zur ersten Sitzung ist verpflichtend:
Oliver Jahraus: Die Gegenwartsliteratur als Gegenstand der Literaturwissenschaft und die Gegenwärtigkeit der Literatur, http://www.medienobservationen.lmu.de/artikel/allgemein/allgemein_pdf/jahraus_gegenwartsliteratur.pdf
Sandro Zanetti: Welche Gegenwart? Welche Literatur? Welche Wissenschaft? Zum Verhältnis von Literaturwissenschaft und Gegenwartsliteratur, http://www.schreibszenen.net/zanetti-open/sz-welche-gegenwart.pdf

Lektüre in den ersten Sitzungen ist:
Clemens J. Setz: Indigo. Roman, Berlin: Suhrkamp Taschenbuch 2013.

Alfred Hitchcock. Seine Filme und die Literatur

Proseminar, Sommersemester 2012

Der Kurs macht sich zur Aufgabe, ausgewählte Filme des einzigartigen Schaffens Alfred Hitchcocks zu analysieren und gleichzeitig unter dem Blickwinkel zu betrachten, inwiefern eine Literaturverfilmung geleistet wurde. Dabei soll beobachtet werden, an welcher Literatur Hitchcock ein spezielles Interesse hatte, ob diese Literatur bereits textintern besonders gut für ein visuelles Medium funktionalisiert werden und wie das Wechselverhältnis von literarischer Vorlage und verfilmter Abbildung verstanden werden kann. Geleistet werden soll sowohl eine Interpretation für Literatur als auch für Film.

Zur Lektüre bis zur ersten Sitzung ist verpflichtend:
Daphne du Maurier: Rebecca (Ausgabe Fischer Klassik 2011 !)

Christlicher Widerstand – Literatur gegen den Nationalsozialismus

Proseminar, Wintersemester 2011/2012

Die christlichen Autoren, deren Ideen sich der französischen Bewegung des Renouveau Catholique verwandt fühlen, sehen sich im Deutschland der 30er Jahre in zunehmendem Maße einem heraufziehenden Terrorregime entgegen gesetzt. Vielen von ihnen bleibt als einzige Möglichkeit des Widerstandes nur die innere Immigration und – trotz häufigem Schreibverbot – die schwache Möglichkeit, in ihren Texten Unrecht anzuprangern. Wegweisend ist Joseph Bernharts „Hochland“-Beitrag Hodie, in dem er schreibt: „Die prophetische Aufnahme der Geschichte ist die dem Christen einzig gemäße. Sehet zu, dass da keiner euch verführt durch die Weltanschauung und hohlen Trug.“
Dieses Seminar will versuchen, ausgewählte Linien des literarisch-christlichen Widerstandes nachzuzeichnen, Texte zu dechiffrieren und zu interpretieren, sie an die soziohistorischen Gegebenheiten zurückzukoppeln, aber auch ihrer Zeit zu entheben und danach zu fragen, wo in diesen Texten auf abstrakter Ebene Widerstand gegen Zwangsstrukturen generell angelegt ist. Wir lesen unter anderem Texte von Werner Bergengruen, Theodor Haecker und Gertrud von le Fort.
Aufgrund der speziellen Arbeitsweise in einem Blockseminar ist bei den Teilnehmenden zwingende Voraussetzung, dass sie sich unbefangen den Fragestellungen dieses Seminars nähern, und die Bereitschaft haben, ausgewählte Texte einer intensiven Lektüre zu unterziehen.

Absolute Form – Der Schriftsteller Martin Mosebach

Proseminar, Sommersemester 2011

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach konnte im vergangenen Bücherherbst einen großen Erfolg landen. Sein Roman Was davor geschah wurde breit im Feuilleton besprochen und stand auf der Auswahlliste für den deutschen Buchpreis. Vor allem aber mit der Verleihung des Büchnerpreises 2007 begann verstärkt eine Rezeptionswelle seines Werkes.
Aus diesem Anlass auch in Anbetracht der stilistischen Qualitäten und der programmatischen Stoffwahl seiner Erzähltexte möchte das Seminar einen Großüberblick vor allem über die Romane Martin Mosebachs geben. Wir werden uns im Besonderen mit der spezifischen Verschränkung des inhaltlichen Erzählstoffs mit der Textform und der Gestaltungsweise beschäftigen und durch genaue philologische Analyse ausgewählte Textstellen beleuchten.
In Zeiten des Methodenpluralismus, der verschwimmenden Fachgrenzen und der Tendenz zu diffusen Gegenständen fordert das Werk Mosebachs zu Klarheit und Genauigkeit auf. Wie die Grundpfeiler seines Schreibens setzt er selbst auf Tradition statt Moderne, auf Sakrales statt Weltliches und auf Wahrheit statt auf Beliebigkeit. Da die Wirkungsweise und die Ästhetik Mosebachs durchaus als ‚umstritten‘ gelten kann, ist bei den Teilnehmenden eine generelle Offenheit erforderlich.
„Ich vermute auch, daß ein Unvorbereiteter, der den alten Ritus zum ersten Mal erlebt, einigermaßen verdutzt davorstehen wird. Latein mag er nicht verstehen, das Wichtigste wird ohnehin geflüstert, das Priestergewand kann zwar auffallend sein, aber von dem, was der Priester tut, sieht die Gemeinde nichts, er verdeckt es mit seinem Körper“, schreibt er in seinem Essayband Häresie der Formlosigkeit. Dies soll auch für unsere wissenschaftliche Untersuchung Warnung, Maßstab und Fahrplan sein.

Robert Walsers Literatursystem

Proseminar, Wintersemester 2010/2011

Robert Walser (1878-1956) erfuhr im Laufe der letzten Jahrzehnte eine große Wiederentdeckung. Viele Rollen schrieb man ihm zu: die des freischaffenden Sonderlings, der nicht teilnimmt an den Konventionen seiner Umwelt; die des am Rande des Wahnsinns stehenden Einsamen, dessen Leben als Anekdotenfundus und Konstruktionsfläche für Leserfantasien dient. Das Seminar will sich zum Ziel setzen, durch das Gesamtwerk Walsers zu führen und den Fokus schlaglichtartig auf Texte der einzelnen Schaffensperioden zu legen. Hierbei wird es um den Akt des Schreibens selbst gehen, der bei Walser immer wieder thematisiert wird und für die Schreibgeneseforschung und editionstheoretische Überlegungen fruchtbar gemacht werden kann. Wir werden außerdem sehen, dass die Motive von gesellschaftlicher Isolation, Verkindlichung, Verkleinerung und Verschwinden das gesamte Œuvre durchziehen. Schließlich soll versucht werden, dem Geheimnis von Walsers mit Bleistift verfertigten, millimetergroßen Mikrogramm-Schriftzügen auf die Spur zu kommen.

Literatur: Einen ersten Einblick bietet: Diana Schilling: Robert Walser, Reinbek: rororo 2007.
Zu den ersten Sitzungen lesen Sie bitte: Robert Walser: Fritz Kochers Aufsätze, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007.